Glück gehabt II

Vielleicht ein bisschen behindert...

Neulich habe ich euch erzählt, dass ich großes Glück hatte. Hier könnt ihr noch mal nachlesen, warum.

Aber auch meine Eltern haben großes Glück mit mir gehabt. Obwohl sie das am Anfang überhaupt nicht so sahen.

Ehrlich gesagt, dachte meine Mutter kurz nach meiner Geburt, als die Ärzte so langsam damit rausgerückt sind, was mit mir los ist – oder dass mit mir, ihrer Meinung nach, quasi überhaupt nichts los ist – das sei das Schlimmste auf der ganzen Welt, was einem passieren kann.

Mama hat eine Bekannte, die blind ist. Die hat sie getroffen, als ich erst seit kurzem bei Mama und Papa zu Hause war, und ihr erzählt, dass ich „wahrscheinlich behindert“ werde. (Damals fiel es Mama noch sehr schwer, das zu sagen. Sie hat immer noch gehofft, dass ich alles noch aufhole und mich einfach nur etwas langsamer entwickele als andere Kinder).

Daraufhin meinte die Bekannte gut gelaunt: Ach, es gibt Schlimmeres!

Und die muss es ja eigentlich wissen…

Trotzdem hat Mama sich lange gefragt, was denn schlimmer sein sollte, als dass ein Kind so viele Sachen wahrscheinlich nie können wird. Sie konnte sich beim besten Willen nichts vorstellen. Vor allem weil ich nicht immer so ein gut gelauntes Kind war wie jetzt. Das erste halbe Jahr habe ich nicht gelacht. Kein bisschen, nicht mal gelächelt. Näheres darüber könnt ihr hier nachlesen. Und woher hätte Mama wissen sollen, dass ich irgendwann damit anfange?

Außerdem haben die Ärzte in der Klinik, in der ich am Anfang zwei Monate lang lag, alles ganz schwarzgesehen. Die dachten, ich hätte überhaupt nichts im Hirn, und haben zu meinen Eltern gesagt, dass ich bestimmt nie in die Schule gehen werde.

Heute weiß Mama, dass das totaler Quatsch war, denn jedes Kind muss in die Schule gehen, und für jedes Kind gibt es auch die passende Schule. Außerdem verstehe ich genauso viel wie die anderen Kinder. Ich brauche nur mehr Technik, um mich verständlich zu machen und fortzubewegen.

Und heute weiß Mama auch, dass ich lachen kann, über ganz viele Sachen, und dass ich meinen Weg gehen werde, weil ich einen starken Willen habe.

Es hat über ein Jahr gedauert, bis Mama sagen konnte, „mein Kind ist behindert“. Nicht „vielleicht behindert“ oder „ein bisschen behindert“.

Von Liebe und vom Loslassen

Aber am Anfang waren Mama und Papa oft traurig. Nach und nach mussten sie sich von den Vorstellungen verabschieden, die sie von ihrem Kind und sich selbst als Eltern hatten. Zum Beispiel, dass Mama mir nicht die Brust geben konnte. Noch nicht mal ein Fläschchen. Das hat ihnen alles sehr wehgetan, und sie haben geweint, wenn sie dachten, ich kriege es nicht mit.

Aber es ging ihnen nur schlecht, wenn sie nicht mit mir zusammen waren. Oder wenn es mir schlecht ging. Aber wenn sie bei mir waren, haben sie sich immer über mich gefreut und mich einfach ganz doll lieb gehabt, und mehr und mehr habe ich es geschafft, sie zum Lachen zu bringen. Weil ich selbst über irgendwas gelacht, mal wieder Quatsch oder irgendeinen kleinen Fortschritt gemacht habe.

Ich habe meinen Eltern nämlich sehr viel beigebracht: Zum Beispiel sich über ganz kleine Fortschritte zu freuen. Und manche Sachen, über die sie sich früher den Kopf zerbrochen haben, nicht mehr so wichtig zu nehmen.

Manchmal sagen andere Mamas zu meiner Mama: das könnte ich nicht! Während sie hinter ihrem Kind herrennen, das gerade laufen gelernt hat, und höllisch aufpassen müssen, weil es alles erkunden will, jeden Schrank und jede Schublade ausräumt, nach heißen Kaffeetassen angelt und alles anfassen oder in den Mund nehmen will, das ihm in die Quere kommt. Dann denkt meine Mama immer: Das könnte ich nicht!

Aber natürlich könnte sie es, genauso wie die andere Mama sich gut um ein Kind wie mich kümmern könnte. Man wächst mit seinen Aufgaben, und man gewöhnt sich an alles. Oder vieles. Und Aufgeben ist sowieso keine Option! Außerdem darf man eins nicht unterschätzen: die Liebe!

Wenn Eltern aufgeben und sie ihr Kind zum Beispiel einer Pflegefamilie anvertrauen, weil es ihnen vielleicht selbst nicht gut geht, körperlich oder seelisch, ist das ganz bestimmt keine leichte Entscheidung! Auch Loslassen kann eine Form der Liebe sein.

Und Loslassen ist auch etwas, was ich meinen Eltern beigebracht habe. Zum Beispiel die Vorstellungen, was Glück oder ein erfülltes Leben ist. Was ein Mensch können muss. Ich kann ganz viel und werde noch sehr viel lernen. Manche Sachen vielleicht sogar besser als andere. Ich bin zum Beispiel jetzt schon eine unglaublich gute Beobachterin. Ich sehe gern anderen zu, wie sie sich bewegen, und das macht mich nicht etwa traurig, sondern es macht mir Spaß!

Mama schaut gern Tanzfilme (ich übrigens auch!) obwohl sie nicht so gut tanzen kann wie die Leute im Film. Aber ist sie deswegen traurig? Es gibt sehr vieles, was Mama nicht kann – und alle anderen Menschen übrigens auch. Vielleicht denkt man manchmal, das würde ich so gern können! Aber deswegen ist das Leben doch nicht im Eimer!

Als ich noch nicht da war, ging es meiner Mama manchmal nicht so gut, weil irgendwas in ihrem Leben gefehlt hat. Heute weiß sie, dass das ich war! Ich halte sie nämlich ganz schön auf Trab! Mit mir kommt sie endlich unter Leute und lernt ganz viele verschiedene, tolle Menschen kennen, mit denen sie jetzt auch ganz automatisch ins Gespräch kommt. Mit mir traut sie sich viel mehr und denkt kaum noch darüber nach, was andere jetzt darüber denken könnten. Ich hab sie vom Rand des Lebens mittenrein geführt!

Sie hat eine Elterngruppe gegründet und ist Bloggerin geworden, und dank mir hat sie jetzt sogar wieder angefangen zu malen. Und schreiben tut sie zwar schon ganz lange, wusste aber nie so recht, worüber sie anderen Menschen etwas mitteilen wollte. Dank mir hat sie jetzt ein Thema und ein Motiv. Man nennt das Ironie des Schicksals, glaube ich!

Aber Schicksal ist, was man daraus macht.

Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann mach Limonade draus!

Hast du Lust, uns von deiner Limonade zu erzählen?

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